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Neuer Nachbar „Wolf“

Wie wir mit Wolf vor unserer Tür umgehen

In diesen Tagen bin ich immer wieder an den Schlagzeilen „Der Wolf ist zurück“ hängen geblieben. Es ist schon faszinierend: Eben noch wohnten die Wölfe wieder in Brandenburg. Jetzt sind sie auch in Niedersachsen und im Bremer Umland zu hause. In Australien hatte ich mal eine Begegnung mit Dingos. Seither frage ich mich, wie ich reagieren würde, wenn ein Wolf meinen Weg kreuzt. Im vergangenen Jahr habe ich den Experten Frank Faß, vom Wolfcenter Dörverden, kennengelernt und ihn interviewt.

Wilder Dingo (Canis lupus dingo) bei Mungo Brush, Myall Lakes Nationalpark, Australien.
Ein wilder Dingp bei Mungo Brush, Australien
By Quartl (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Rein objektiv betrachtet sind Wölfe und auch Dingos hübsche Tiere. Beide zählen zur Wolfs- und Schakalfamilie und sind eben wilde Tiere. Das lässt sie in unseren Augen unberechenbarer und gefährlicher aussehen, als etwa normale Hunde. Obwohl auch Hunde als domestizierte Haustiere vom Wolf abstammen und die Reflexe seiner Artgenossen auch im Haustier steckt.

Und plötzlich steht der Dingo da

Am Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ ist was den Wolf angeht, nichts dran. Und genauso wusste ich in Australien vor meiner nächtlichen Begegnung mit einem Rudel Dingos, dass ich nicht zu den Beutetieren zählen. Bei Tageslicht hatte ich mich noch gefreut Dingos auf Frazer Island zu sehen. Und die Hinweise Dingos nicht zu füttern und in ihrer Nähe die Ruhe zu bewahren und nicht etwa mit den Händen zu fuchteln hatte ich achselzuckend zur Kenntnis genommen. Dennoch hatte ich im Reiseführer gelesen, dass die Dingos aggressiv werden können, weil viele Touristen sich nicht an das Fütterungsverbot halten. Als ich Nachts auf dem Campingplatz mit einer Taschenlampe zur Dusch- und Toilettenanlage rüber gehen wollte, fand ich mich ganz plötzlich zwischen fünf Dingos wieder.

Das Unterbewusstsein sagt: Renn weg!

Im ersten Moment bin ich bei den aufleuchtenden fünf Augenpaaren nur erstarrt. Und im nächsten Moment kamen dann all die Warnungen in mir hoch und meine Füße sagten mir: „Los, renn!“ – während mein Kopf mir sagte: „Ruhig bleiben! Nicht Rennen! Nicht mit den Armen fuchteln!“ Langsam zurück ziehen.“ Um es kurz zu machen: Ich habe meine plötzliche, nackte Panik besiegt und bin nicht weggerannt. Aber die 15 Meter bis zum Duschhaus im Schneckentempo zu laufen dauerte gefühlt drei Jahre. Einmal im Häuschen habe ich mich eine halbe Stunde nicht mehr raus getraut und habe auf dem Rückweg gebetet. Insofern ist die Panik vor Wölfen zwar unbegründet (Wir stehen nicht auf der Nahrungsliste!) den Schrecken oder einen Anflug von Panik,  kann ich aber gut nachvollziehen. Grund genug, sich ein paar Tipps vom Experten zu holen. Schon alleine, weil ein junger Wolf sich in letzter Zeit ohne Scheu auch tagsüber in Wohnvierteln blicken lässt.

Was der Experte sagt

Herr Faß, gefühlt taucht ein streunender Wolf gerade überall auf!

Frank Faß: Vermutlich sind es ein bis zwei Jungtiere. Mehr nicht. Aber Wölfe legen extreme Strecken zurück. Ein Wolf kann in einer Nacht mühelos zwischen 70 und 100 Kilometern zurück legen. Deshalb wird er an einem Tag im Landkreis Emsland, am nächsten im Landkreis Verden und zwei Tage später in den Niederlanden gesichtet.

Was für Gründe kann es haben, wenn uns ein Wolf auf den Pelz rückt und durch Wohngebiete streift?

Der genaue Grund steht bei dem betreffenden Wolf noch nicht fest. Das niedersächsische Umweltministerium will den streunenden Wolf betäuben und einfangen. Dann kann das Tier auf mögliche Krankheiten und seine DNA untersucht werden. Später soll der Wolf mit Peilsender wieder frei gelassen werden. Ein Spezialist wird ihm dann eine unangenehme Erfahrung mit Menschen verpassen, so dass er sich in Zukunft vermutlich fernhalten wird.

Aber was wären mögliche Gründe?

Darüber gibt es aktuell besonders bei Facebook schon wilde Spekulationen über Anfütterungen. Es ist so: Die Wölfe sind seit 10 Jahren wieder in Deutschland und es gab keine Zwischenfälle. Natürlich stellt sich dann jetzt die Frage, woher dieser Wolf kommt und warum er keine Scheu vor Menschen zeigt. Möglicherweise handelt es sich um einen oder zwei Jungwölfe, die bei einem Rudel bei Munster in Niedersachsen  zur Welt gekommen sind. Nehmen wir mal an, der Querulant kommt aus Munster. Dann müssen wir der Frage nachgehen: Woher haben die jungen Wölfe gelernt: „Die Nähe zum Menschen suchen ist eine gute Idee?“ Sprich: Was könnte unwissentlich oder wissentlich in der Region passiert sein? Dennoch müssen wir noch abwarten – der Genbeweis zählt.
Es ist zwar verdammt unwahrscheinlich beim nächsten Waldspaziergang ein Wolfsrudel zu treffen. Aber falls da wirklich ein Wolf vor mir stünde – wie verhalte ich mich richtig?

Zuerst können Sie sich die Frage stellen: Hat der Wolf mich bemerkt? – Und das ist sehr wahrscheinlich, weil Wölfe extrem gut riechen, hören und sehen können. In diesem Fall bleiben Sie am besten stehen und versuchen einen Fotobeweis zu kriegen. Selbst wenn Wölfe auf 10 Meter herankommen und herüber starren, sind sie nur neugierig und werden dann ihres Weges ziehen. Den Fotobeweis können Sie am besten an den zuständigen Wolfsberater schicken. Nur wenn das Tier Schaum vor dem Mund hat, rufen Sie sofort die Polizei! Dann hat das Tier Tollwut und muss getötet werden. Die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr gering.

Was wenn ich es mit der Angst zu tun bekomme?

Zuerst einmal ist diese Angst total verständlich. Vor allem wenn Sie zu den Menschen zählen, die auch Angst vor Hunden haben. In diesem Fall ziehen Sie sich am besten ruhig zurück und wählen einen anderen Weg. Übrigens: Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob der Wolf sie bemerkt hat, machen Sie sich bemerkbar. Da hilft Klatschen oder ein Stöckchen in seine Richtung werfen.

Das ist manchmal leichter gesagt als getan. Als in auf Frazer Island auf wilde Dingos getroffen bin, war der erste Impuls schreiend wegzurennen nur extrem schwer zu unterdrücken…

Das kann ich mir vorstellen, aber die Panik ist unbegründet. Wichtig ist: Hektische Bewegungen oder gar wegrennen sollte man vermeiden. Genau wie bei Haushunden, besteht statistisch die geringe Gefahr, dass dann ein Bewegungsreiz beim Wolf oder Dingo ausgelöst wird. Der Bewegungsreiz würde wiederum den Jagdinstinkt wecken. Ich habe auch meiner kleinen Tochter schon immer eingeschärft: „Laufe nicht vor großen Hunden weg!“. Gleiches gilt für andere Raubtiere wie auch Braunbären.

Nach Alaska oder Kanada reise ich nicht so bald. Aber für einen Waldspaziergang fühle ich mich jetzt ganz gut gerüstet. Danke, Herr Faß!

Wie seht ihr das? Hättet ihr Angst oder würdet ihr das Handy zücken?


Mehr Infos zum Wolf allgemein und in Deutschland gibt es auch auf der Webseite vom Wolfcenter Dörverden
Frank Faß  ist Wolfsberater im Landkreis Verden und Inhaber der Wolfcenters

3 Comments

  1. Oh. Also, ich hätte auch zitternde Knie. ;)

    Ein interessantes Interview. Und schon irgendwie faszinierend, wie wir Menschen so ticken: Wir ummanteln den Wolf in Märchen und Erzählungen mit allerhand fiesen Eigenschaften – dabei sind Wildschweine viel gefährlicher für uns. Und die gibt es ja zu Hauf in den hiesigen Wäldern.

    • Danke für deinen Kommentar Sarah Maria! =) Von den Wildschweinen habe ich auch schon gehört, bisher aber noch keine getroffen. Ein Freund hat mal erwähnt, man solle sich dann hinter einen Baum stellen, damit die Hauer einen nicht erwischen. Ob das dann in der Praxis funktioniert ist die andere Frage. Weißt du da mehr?

      • Mhmm. Also, das mit dem Baum klingt nach einer echten Mutprobe. ;)
        Ich kenne die Wildschwein-Sache von meinem Freund: Denn der kommt aus Zingst. Dort gibt es jede Menge Wildschweine. Sie kommen nachts sogar auch an den Strand sowie Stadtrand. Wenn sie Junge haben, sollte man auf keinen Fall die Wege verlassen, um ein ungewolltes Zusammentreffen zu minimieren. Unangeleihnte Hunde verschwinden in dieser Zeit öfter mal im Wald – und werden nie wieder gesehen.

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