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Portrait: Der Gemüsemann 2.0

Von Einem, der viel improvisiert hat, weiß was in unseren Köpfen beim Einkaufen vorgeht und der trotzdem dicht macht um neu anzufangen
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Martin hat sein Fach gelernt. Er ist Gemüsefachhändler oder besser Einzelhandelsfachmann für Obst und Gemüse. In den letzten dreißig Jahren hat er fast nichts anderes gemacht, als Obst und Gemüse auszuwählen und „seine Pappenheimer zu kennen“. Er meint seine Stammkundschaft: Was sie kaufen, wie viel davon und ob sie auf einen Schnack kommen oder eher nicht. Die Berge Kirschen, Pfirsiche, Erdbeeren und Co. probiert er nur noch zu Saisonbeginn – oder wenn eine neue Erdbeersorte nachkommt. „Wenn du den ganzen Tag zwischen all dem Zeug stehst, kannste es irgendwann nicht mehr sehen“.

Abgepacktes kommt ihm nicht in die Tüte
Seit 20 Jahren ist er täglich gegen 4:15 aufgestanden und mit dem Bulli zum Großmarkt kutschiert, um frische Ware für seinen Obst- und Gemüseladen einzukaufen. Sein Laden hat auf knapp 74 Quadratmetern einen Verkaufsraum mit dem selbst gezimmerten Ladentisch und einem Bürokabuff und Kühlung hinten drin. Bei Martin im Laden ist es nie so steril sauber wie in der Obst-und Gemüseabteilung im Supermarkt. Es riecht nach Erde von den rund 300 Pfund Kartoffeln im Bollerwagen und nach reifen Beeren und den Küchenkräutern im Bund.
Seine Kunden störte das nicht. Denn jeder weiß: An Martins Fingern klebt Erde und Schmutz, weil er sein Obst täglich durch sortiert. Nichts ist abgepackt. „Bei mir gibt’s keinen Mist!“ brummt der etwas untersetzte Gemüsemann.
Ein Marktschreier ist Martin nun wirklich nicht. Er steht meistens leicht übermüdet in einem alten verwaschenen T-Shirt, Jeans und Schlappen hinterm Tresen. Wenn „seine“ alten Damen kommen, um ein paar Äpfel zu kaufen, fragt er schon mal warum’s Äpfel sein müssen. – Kuchen für die Kinder. Warum keine Erdbeeren? Wir wollen einen Ausflug machen und dann ist der Kuchen matsch. Ansonsten ist er kein Mann für viele Worte. Wenn ein Kunde ihm zu frech handelt, bellt er sogar mal „Nee, mein Freund!“ Böse Zungen im Stadtteil nennen ihn Sturkopf und Grießgram. Und das ist noch harmlos. Barbara, seine Angestellte sagt: „Der wirkt halt selten gut gelaunt, aber er kümmert sich um seine Angestellten und Kunden.“ Martin macht sich gerade Sorgen, um seinen Pack-Jungen Max. „Dem muss ich jeden Tag neu erzählen, wo was hingehört. Der Junge kann sich nichts merken. Und ich hatte hier in den letzten 20 Jahren schon einige Aushilfen. So hat sich noch nie einer angestellt“.

Gemüse-Einkaufsmoden wandeln sich
Martin macht in ein paar Tagen seine Laden dicht. Seine Angestellte Barbara hat auch schon was Neues gefunden, sagt er. Irgendwann lief’s nicht mehr so. „Könnte mit dem Euro angefangen haben. Seitdem finden die Leute alles teuer. Dagegen ist kein Kraut gewachsen“, brummt Martin. Er muss 100 Prozent auf den Großmarktpreis draufschlagen, sonst macht er nach Miete, Kühlkosten und seinen Angestellten keinen Cent mehr. Und dabei hat er viel probiert, die letzten Jahre. Er hatte einen Erdbeeren- und Kirschen-Stand an der Straße… lange bevor die Erdbeer- und Spargelbuden Mode wurden. Er hatte die besten Hortensien direkt vom holländischen Gärtner… bevor die Baumärkte auch Pflanzenmärkte wurden. Und er und seine Frau hatten eine Zeit lang Mittagstisch gekocht und verkauft… bis ein Dönermann gegenüber aufmachte. Seit ein paar Jahren haben auch die Supermärkte ums Eck ihre Obst- und Gemüseabteilungen aufgestockt. Seitdem, sagt Martin achselzuckend gilt: „Einmal hin – alles drin!“

Eigentlich kaufen wir beim Fachhändler. Eigentlich.
Glaubt man einer Studie vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, müsste sein Laden eigentlich brummen. Denn immerhin gaben 20 Prozent aller befragten Bundesbürger an ihre Lebensmittel immer beim Fachhändler zu kaufen. 37 Prozent wollen häufig zum Fachhändler gehen auch wenn der Supermarkt die Nummer eins bei den Deutschen ist. Martin sieht das anders. Seine meisten Kunden sind um die 70 Jahre alt, oder älter. „Die kaufen vernünftiges Obst und Gemüse, weil sie sich etwas gönnen wollen. Die Kriegsgeneration“, sagt er. Die jungen Leute schauen vor allem rein, wenn Sie Zutaten auf Rezepten nicht kennen. Sie alle lieben unordentliche Kisten in der Auslage, oder Bergeweise Obst. Letzteres sieht gut aus, unordentliche Kisten suggerieren: „Muss ja gut sein, wenn alle das kaufen“.

Wo keine Erbsenzähler einkaufen
Aber es kaufen ja eben nicht mehr alle. Martin ist keine Zwanzig mehr. „Ich kann alles verkaufen, aber mit 55 Jahren nimmt dich keiner mehr! – Alle wollen 25-Jährige mit 30 Jahren Berufserfahrung und Betriebswirt“. Seit zwei Jahren hat er bei seinem Kartoffelbauern eine brummende Erdbeerbude beobachtet und ihn dann mal angehauen: „Kannst du dir hier einen Hofladen vorstellen?“ Konnte er und Martin hat zugeschlagen. Neue Kundschaft, nie mehr Großmarkt um 5:00 Uhr morgens! sagt er rauchend laut vor sich hin. Seine Rechnung könnte aufgehen: Hofläden sind seit gut 2 Jahren in Großstädten absolut im Trend. Bei den Obst- und Gemüseläden haben die Statistiker Ende 2011 noch 40 Geschäfte gezählt. Demnächst ist es einer weniger und Martin meint achselzuckend „Ja, nu“.

 

 

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